Gartenmeister Bonstedt

Deutschland

Im Alten Botanischen Garten Göttingen begleiten den Besucher auf Schritt und Tritt Zeugnisse der Geschichte der über 250 Jahre alten Einrichtung. Ein Teil der Gewächshäuser stammt aus dem letzten Jahrhundert, der Teich und das Alpinum wurden um die Jahrhundertwende angelegt, und auch einige der Pflanzen sind über hundert Jahre alt. Ein besonders großer Teil der herrlichen Pflanzenbestände, der Kulturmethoden und der Präsentation gehen auf den Zeitraum 1900-1931 zurück, der Schaffenszeit des "Gartenmeisters Bonstedt" als technischer Leiter des Botanischen Gartens.

Geboren am 8.4.1866 in Naumburg (Saale) ergriff Bonstedt wie sein Vater den Gärtnerberuf. Nach seiner Ausbildung im damaligen pomologischen (=obstbaukundlichen) Institut in Proskau lebte er mehrere Jahre in England. Hier wurde er in zwei angesehenen Erwerbsbetrieben mit meisterhafter Schnittblumenkultur und -züchtung vertraut und erwarb sich in Kew Gardens die profundesten botanischen Kenntnisse. Danach leitete er acht Jahre den Botanischen Garten Rostock.

Nach Göttingen kam er 1900. In Geheimrat Prof. A. Peter (Direktor des Gartens 1888 bis 1923) fand er einen Gartenleiter, der "ihm in weitest gehendem Maße freie Hand ließ und ihn unterstützte, wo es irgend ging". Hier konnte sich Bonstedt als das erweisen, was man heute als ein "Allround-Talent" bezeichnen würde. 1903 gestaltete er mit dem Erdaushub des Anbaus des Auditorium Maximum das Alpinum, der "schönsten Alpenanlage in Deutschland, die ich trotz Dahlem kenne". Im gleichen Jahr wurde nach seinem Entwurf ein herrliches, zehneckiges Viktoriahaus errichtet. Dieser Prachtbau ist dem zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen, aber zahlreiche Elemente des heutigen Hauses, etwa die Kultur der Victoria, ein Teil der prachtvollen tropischen Seerosen oder die Calladien auf dem Beckenrand (übrigens z. T. Bonstedts eigene Züchtungen), findet man nach 90 Jahren unverändert, wie alte Fotos oder Dokumente beweisen. Auch bei der Kultur tropischer Orchideen und anderer Epiphyten beschritt er neue und damals vielbeachtete Wege.

Herrliche Fotografien sind uns von seiner Sammlung fleischfressender Kannenpflanzen der Gattung Sarracenia und Nepenthes erhalten. Bonstedt besaß alle damals in Kultur befindlichen Arten und vergrößerte emsig die Formenfülle durch eigene, prächtige Kreuzungen, z. T. mit 30 cm langen Fangblättern.

1910 wurde die ehemalige Orangerie mit großem Aufwand zum Farnhaus umgestaltet, und seine Leidenschaft für tropische Farne bekam ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Vieles in unserem stimmungsvollen Farnhaus dürfte sich seit Bonstedts Zeiten kaum verändert haben.

Aber die Freilandfarne lagen ihm nicht minder: "Augenblicklich (1926) sind in Göttingen alle Formen von Freilandfarnen zusammengebracht, die er auftreiben konnte, vielleicht die beste in Deutschland befindliche Sammlung".

Die Tätigkeit in einem wissenschaftlichen Botanischen Garten ließ Bonstedt jedoch neben dem Botanischen stets das Schöne im Auge behalten, denn er unterschied sich "von den meisten anderen botanischen Gärtnern dadurch, dass er stets mit der erwerbsgärtnerischen Praxis in Fühlung blieb und sich vor allem züchterisch verdienstvoll auch für die Marktgärtnerei betätigte". Sein Züchterinteresse genossen u. a. so verschiedene Gattungen wie Primeln, Lilien, Kalla, Caladium, Sarracenia, Nepenthes, und Fuchsia. Bei den letzteren geht die gesamte Klasse der traubenblütigen Fuchsien (Triphylla-Hybriden) auf ihn zurück. Die Ausgangsart F. triphylla begeistert durch grellorangerote Blütentrauben, ist aber schwachwüchsig und heikel.

Bonstedts erste Triphylla-Hybride 'Mary' ist bezaubernd schön, aber kaum weniger empfindlich. Der Durchbruch jedoch gelang mit den Sorten 'Göttingen', 'Koralle' und 'Gartenmeister Bonstedt', die sein Freund G. Bornemann 1906 in "Möller's Deutsche Gärtner-Zeitung" vorstellte und auf den Markt brachte. Sie zählen heute noch, nach fast 100 Jahren, wegen ihrer Schönheit und Wüchsigkeit zu den Standardsorten des Erwerbsgartenbaus.

Noch einmal muss Bonstedts Vielseitigkeit betont werden. Botanische Kleinodien wie Steinbreche, winzige epiphytische Orchideen und Farne lagen ihm ebenso wir publikumswirksame Aktionen, etwa pompöse Chrysanthemen-Ausstellungen, und "den Botanischen Garten in Göttingen besuchte man nun nicht mehr einzig aus dem Grunde, um "Unkräuter" kennen zu lernen, sonder auch um sich über Kulturen zu unterrichten". Man sah ihn nicht nur im Warmhaus Nepenthes-Aussaaten begutachten, sondern auch in den Alpen Frankreichs, der Schweiz und Italiens, In England und Skandinavien Pflanzen für das Alpinum sammeln. Neben den personellen und organisatorischen Aufgaben der technischen Gartenleitung hielt er Vorlesungen über Gartenbau an der Universität Göttingen und der damaligen Deutschen Kolonialhochschule in Witzenhausen. Schließlich wurde ihm wegen seiner Universalität die Herausgabe des Nachschlagewerkes "Parey's Blumengärtnerei" und anderer Fachpublikationen übertragen. Nach seiner Versetzung in den Altersruhestand 1931 wohnte er bis zu seinem Tode am 14.2.1953 in Geismar, wo er sich privat weiter der Züchtung und Publikation widmete. Der Botanische Garten Göttingen aber "verdankt Bonstedt seinen viele andere Botanischen Gärten auf dem europäischen Kontinent überragenden Ruf, indem Bonstedt als Kultivateur schwieriger Pflanzen außergewöhnliche Erfolge hatte und so die Sammlungen des Gartens auf eine weitbeachtete Höhe bringen konnte".

(Die Zitate entstammen verschiedenen zeitgenössischen Artikeln in "Möller's Deutsche Gärtner-Zeitung" und "Gartenwelt").

gesammelt von Holzland Hasselbach, Göttingen-Rosdorf

eingesandt von Karl Strümper, Göttingen