Hochstämmchen

Hochstämmchen in nur einem Jahr?

Gerda Manthey 

Wie komme ich zu einem Fuchsienbäumchen in einem einzigen Jahr?

Nun sehe ich die ungläubigen Gesichter meiner Fuchsienfreunde vor mir. In einem einzigen Jahr? Ein richtiger Hochstamm, der die eleganten Blüten und den Schmelz der Farben unserer Fuchsien (in Augenhöhe) erst so richtig zur Geltung bringt? Es stimmt aber wirklich, ich habe es manches Mal ausprobiert, und es ist nicht einmal ein Kunststück, denn die nötige Geduld und Sorgfalt darf man ja bei jedem Fuchsienliebhaber getrost voraussetzen.

Damit Sie es im kommenden Jahr nachmachen können, hier Schritt für Schritt meine Methode: Wenn man auch aus fast jeder Sorte ein Fuchsienstämmchen ziehen kann, so gibt es doch erprobte Sorten, die sich besonders gut eignen. Es sind die mit einem kräftigen Wurzelsystem, die - auch ohne häufiges Entspitzen - sich gut verzweigen, und wenn möglich, achte ich noch darauf, dass die ausgesuchte Pflanze deutlich drei Blätter im Spitzentrieb hat, statt der gewohnten zwei, sich also dreifach verzweigt und eine schöne dichte Krone bildet.

Haben wir unsere Idealsorte gefunden, beginnt „unser Jahr" für die Anzucht etwa im Juli damit, dass wir an der Mutterpflanze ein bis zwei Zweige zurückschneiden, die Pflanze düngen und immer gut gießen, damit wir in drei bis vier Wochen - es ist ja Hochsommer und das Wachstum entsprechend schnell - kräftige Stecklinge schneiden können. Hat der Steckling schon drei oder vier Blattpaare außer der Spitze, umso besser, so hat er schon einen Teil seines Höhenfluges hinter sich und wird jetzt in einen - möglichst kleinen (3 bis 5 cm -Topf) in das übliche Sand-Torfgemisch gesteckt. Danach wird vorsichtig der Topf angegossen, ein Weckglas oder ein Plastikbeutel darüber gestülpt, um die Verdunstung zu verhindern, und wir suchen ihm einen geschützten hellen, aber nicht zu sonnigen Platz, wo er sich in spätestens drei Wochen kräftig bewurzelt hat.

Wir wissen ja, dass ein Fuchsiensteckling direkt unter einem Blattknoten geschnitten wird. Dann entfernt man das unterste Blattpaar, ohne die in den Blattachseln schlafenden Augen zu beschädigen. Jetzt, es ist mittlerweile Anfang September, bekommt der Steckling seinen ersten richtigen Topf mit nahrhafter Erde, die wir mit Knochenmehl, Hornspänen, getrocknetem Rinderdung und ähnlichen organischen Substanzen anreichern. Fuchsien sind keine Kostverächter, und man kann sie nicht leicht überfüttern.

Soll unser Bäumchen schön gerade und aufrecht wachsen, muss es spätestens jetzt einen Stab beigesteckt bekommen, an den es alle 5 cm mit Bast angebunden wird. Die Neigung der Pflanzen, immer zum Licht zu wachsen, würde uns andernfalls einen Stamm mit „Dauerwellen" bescheren. Wer gerade diese originellen Krümmungen liebt, kann das Stäben auch bleiben lassen.

Sechs Wochen später, es ist Mitte Oktober und unser Bäumchen wohl schon 50 cm hoch. Weil wir ihm gleich nach dem Erscheinen alle Seitentriebe ausgekniffen haben, konnte es alle Kraft auf das Höhenwachstum konzentrieren. Die eigentlichen Blätter werden dabei sehr schonend behandelt und sollten möglichst lange am Stamm belassen werden. Unsere Pflanze muss ja assimilieren und soll einen kräftigen Stamm bekommen, der seine Krone später ohne Mühe tragen kann.

Ein ganz wichtiger Punkt in der weiteren Pflege ist das Umtopfen. Wann immer die weißen Wurzeln das Äußere des Topfballens erreicht haben (nachsehen) oder gar schon durch das Abzugsloch wachsen, muss unser Stamm einen größeren Topf bekommen. Vorsicht, der Ballen muss beim Verpflanzen unbedingt intakt bleiben. Am besten am Tag vor der Prozedur gut gießen.

Solange das Wetter es zulässt, bleibt die Pflanze an einem geschützten Platz im Freien stehen. Herbstwinde dürfen sie nicht umwerfen können. Ein Jammer wäre es, würde unser Stamm seine Spitze verlieren. So gut Plastiktöpfe sich bewährt haben, für die Standfestigkeit der Hochstämme ziehe ich die guten alten Tontöpfe vor.

Da wir immer eine sehr nahrhafte Erdmischung verwenden, die Pflanze auch in jedem Topf nur einige Wochen steht, ist eine weitere Düngung in diesem Stadium nicht erforderlich. Stattdessen gebe ich zweimal wöchentlich in das Spritzwasser etwas Blattdünger (Wuxal oder ähnliches, 2 g pro Liter Wasser) und neble damit die Pflanze gründlich ein. Fuchsien nehmen Dünger sehr gut über die Blätter auf.

Eines Tages ist auch der schönste Herbst zu Ende, und es gilt, einen Platz im Haus zu finden, an dem unser Stämmchen den Winter hindurch ohne Ruhezeit und ohne Störung wachsen kann. Der Platz sollte hell genug, warm genug (etwa 12 bis 15 °C) sein und auch an der lebensnotwendigen Luftfeuchtigkeit darf es unserer Pflanze nicht fehlen. Hat man ein Gewächshaus, gibt es keine Probleme. Aber Fuchsienfreunde sind erfinderisch und lassen sich etwas einfallen. Vollbeheizte Räume scheiden von vorneherein aus.

Bleiben also Gästezimmer, Treppenhaus oder notfalls die Waschküche, wo man aber meistens mit Kunstlicht für ein optimales Wachstum sorgen muss.

Hat unser Stämmchen im Monat März/April etwa die gewünschte Höhe erreicht, das ist natürlich von Sorte zu Sorte verschieden, so lassen wir noch drei bis vier Blattpaare darüber hinaus wachsen und - das ist ein feierlicher Augenblick - entspitzen, d. h., wir entfernen nur den äußersten Trieb, die zwei obersten Blättchen. Nach einigen Tagen bilden sich in den Blattachseln der vorhin erwähnten letzten drei bis vier Blattpaare Seitentriebe, die wir nun wachsen lassen und nach jedem dritten Blattpaar entspitzen. Das gibt pro Trieb wieder sechs Seitentriebe, und damit haben wir schon eine richtige kleine Krone geformt und ein gutes Grundgerüst für die kommenden Jahre.

Inzwischen ist es Mitte Mai geworden. Die neue Fuchsiensaison beginnt und stolz und vorsichtig tragen wir unser erstes, selbstgezogenes Fuchsienbäumchen - man kann es nun mit Fug und Recht so benennen - an die frische Frühlingsluft, an einen schattigen, windgeschützten Platz. (Die Gärtner nennen das Abhärten.)

Gegen Ende Juli oder Anfang August, genau ein Jahr ist vergangen, wird unser Bäumchen dann in voller Blüte stehen und uns noch Monate in seinem ersten Lebensjahr mit seinem ganzen Charme für alle aufgewendete Mühe reich belohnen.

Zum Schluss lassen sie mich noch kurz erklären, warum ich Hochstämme aus Herbststecklingen ziehe. Wie wir heute wissen, sind Fuchsien Langtagspflanzen, die nach den Gesetzen des Photoperiodismus bei einer Tageslänge von mehr als 12 Stunden Blütenknospen bilden. Ein Frühjahrssteckling wird also - kaum dem ersten Topf entwachsen - blühen wollen und dadurch ist es erst einmal mit dem zügigen Höhenwachstum vorbei.

Wir können das Blühen zwar mit jenen Kunstgriffen verhindern, die die Gärtner auch mit viel Erfolg in der Vermehrung anwenden. (Kurztage durch zeitweilige Verdunkelung.) Aber wir brächten uns dann auch um eine schöne Winterbeschäftigung, nicht wahr?

Hier noch einige (von vielen) geeigneten Fuchsiensorten:

'Checkerboard'

'Mrs. Lovel Swisher'

'Other Fellow'

'Frauke'

'Galadriel'

'Celia Schmedly'

'Hidcote Beauty'

'Phyllis'

'Swingtime'

'Joy Patmore'

'Mrs. W. Rundle'

'Amy Lye'

'Chang'

'Pink Tamptation'

'White Spider'

'Brutus'

'Royal Velvet'

'Dollarprinzessin'

'Genii'

'Southgate'

'Flying Cloud'

'Rose of Castille improved'

 

 

Und nun recht viel Freude bei der Aufzucht und guten Erfolg.

Gerda Manthey