Fuchsien - Sortenprüfungen

Wozu und wie

Prof. Dr. Karl Zimmer, Hannover

Als Begründung für die Notwendigkeit, Fuchsien-Neuheitenprüfungen durchzuführen, wird häufig die Flut neuer Sorten angegeben. Nun könnte man diese Flut ignorieren und Prüfung und Wertungen demjenigen überlassen, der es unbedingt wissen will. Der Züchter müsste dann in irgendeiner Weise versuchen, bei Fuchsienliebhabern Interesse zu wecken, und diese müssten selbst - unter ihren eigenen Verhältnissen und mit ihrem eigenen Geschmack! - prüfen und für sich werten.

Dieses Vorgehen wird jedoch offenbar nicht allgemein gewünscht, sondern es wird eher nach einem allgemein gültigen Urteil gestrebt. Daher muss man zunächst überlegen, zu welchem Zweck eigentlich eine Prüfung erfolgen soll.

Hier gibt es vier Möglichkeiten, die man auch miteinander kombinieren kann:

1. Eine neue Sorte soll beschrieben werden. 2. Eine neue Sorte soll registriert werden. 3. Einer neuen Sorte soll Sortenschutz erteilt werden. 4. Eine neue Sorte soll ein Wertzeugnis erhalten.

Für jede der vier Möglichkeiten sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, besondere Zuständigkeiten gegeben und gegebenenfalls besondere Konsequenzen zu beachten. Dies soll folgend erörtert werden:

1. Sortenbeschreibung.

Zu den Voraussetzungen gehört, dass man morphologische Merkmale eindeutig benennt. Damit alle Interessierten wissen, wovon die Rede ist, ist eine einheitliche Fachsprache notwendig. Diese Voraussetzungen bestehen für Fuchsien. Schwieriger ist mit der Beschreibung solcher Merkmale. Einige Merkmale sind relativ einfach zu beschreiben, so z. B. die Wuchsform (aufrecht, ausgebreitet, hängend). Andere Merkmale sind nur durch Messungen zu erfassen. Da viele solcher Merkmale stark Umwelt-abhängig variieren können, nutzt die Messung an einer Pflanze, die zufällig in voller Sonne (oder im Schatten, oder auf leichtem oder auf schwerem Boden) steht, nicht viel. Die Variabilität - d. h., die Leistungsfähigkeitsgrenzen - werden so nicht erfasst.

Manche Merkmale verändern sich: z. B. wächst der Tubus während der Blütenöffnung erheblich, der Griffel kann unterschiedlich lang aus der geöffneten Blüte herausragen usw..

Die Definition eines bestimmten Entwicklungszustandes ("Blüte geöffnet") ist schwierig, wenn man nicht weiß, wie lange die Blüte schon geöffnet ist und was während dieser Zeit im Wachstum passiert.

Auch die Farbe kann sich - in Abhängigkeit von Standort, Ernährung und "Reifezustand" - verändern. Sie muss deshalb gemessen werden (mit Hilfe der Farbkarten der Royal Horticultural Society RHS).

Einzelne Messungen der entsprechenden Merkmale genügen daher nicht, sondern es müssen wenigsten 10-15 Messungen an entsprechenden Stichproben durchgeführt werden, um hinreichend genaue Werte zu erhalten. Besondere Zuständigkeiten gibt es nicht, es sei denn, der interessierte Züchter liefert derartige Angaben.

2. Registrierung

Zuständig ist eine internationale Registerstelle, die von einer entsprechenden Kommission der Internationalen Gartenbauwissenschaftlichen Gesellschaft (ISHS Intern. Society Horticultural Science) bestimmt wird. Die Tätigkeit einer solchen Registerstelle beruht auf Übereinkunft der weltweit interessierten Verbände, Wissenschaftler, Züchter, Gesellschaften und folgt mindestens den Regeln, die im "International Code of Nomenclature for Cultivated Plants" festgelegt sind. Das Prinzip der Registrierung ist, dass nicht eine Sorte registriert wird, sondern ein Name!

Für die Registerstelle - für Fuchsien ist die American Fuchsia Society zuständig - ist Voraussetzung, dass der Anmelder (Registrierung ist freiwillig!) eine Sortenbeschreibung liefert und Vergleichssorten angibt. Für die Registrierung des Namens ins die Pflanze selbst nicht nötig. Die Sorten-Namensregistrierung kann also eine reine Schreibtischarbeit sein. Es wird weder Sortenschutz noch Gebrauchswert geprüft, und es muss noch nicht einmal geprüft werden, ob die Pflanze nicht schon mal unter einem anderen Namen von einem anderen Einsender registriert wurde! Die Angabe von Vergleichssorten soll das zwar verhindern - aber wer will bei mehr als 10.000 Sorten und den sehr ungenauen Beschreibungen ausschließen, dass ein Kreuzungsprodukt nicht schon zum 2. oder 3. mal unter einem anderen Namen registriert wurde? Aus meiner 30-jährigen Praxis in drei internationalen Registerstellen weiß ich, welche Möglichkeiten sich da ergeben!

3. Prüfung zur Erteilung des Sortenschutzes.

Die Erteilung eines Sortenschutzes soll die Arbeit des Züchters und deren Resultate vor unberechtigter Ausbeutung durch Dritte schützen. Vermehrung und Vermarktung einer geschützten Sorte bedarf der Genehmigung des Züchters, der berechtigt ist, z. B. Vermehrungslizenzen zu vergeben.

Da der Sortenschutz staatlich garantiert ist und auch über Grenzen hinweg gelten soll, haben Staaten die Möglichkeit, einem gemeinsamen Abkommen zum Schutze der Züchterrechte beizutreten. Diese sogenannten UPOV-Staaten (UPOV = Union Internationale pour la protection des Obtentions Végétales, Intern. Union for the Protection of New Varietes of Plants) bestimmen innerhalb ihrer Grenzen Autoritäten oder Institutionen, die entsprechende Sortenschutzprüfungen durchführen. In Deutschland ist dies das Bundessortenamt in Hannover. Diese Institutionen teilen die Arbeit unter sich auf und erkennen die Prüfungsergebnisse einer Prüfstelle gegenseitig an, wenn Sortenschutz für mehrere Länder beantragt wurde. So werden z. B. die Sortenschutzprüfungen für Anthurien in den Niederlanden, für Chrysanthemen in England und für Eliator-Begonien, Saintpaulien und Kalanchoe in Deutschland durchgeführt.

Die Prüfstellen erlassen Richtlinien, aus denen hervorgeht, wie viel Pflanzen der Züchter zu welchem Zeitpunkt und in welchem Entwicklungszustand wohin zu liefern hat. Die Prüfung erfolgt in zwei aufeinanderfolgenden Jahren und ist kostenpflichtig. Eine Sortenbeschreibung muss mit der Anmeldung geliefert werden, ebenso müssen Vergleichssorten angegeben werden. Eine Registrierung beim Internationalem Sortenregister ist nicht Voraussetzung.

Geprüft wird, ob die angemeldete Sorte der Definition des Sortenbegriffs entspricht: Die Sorte muss neu sein, d.h., sie muss in mindestens einem Merkmal von allen möglichen Vergleichssorten nicht nur zufällig abweichen. Eine unter üblichen Bedingungen nicht blühende Fuchsie würde diese Bedingung erfüllen und könne Sortenschutz erhalten. Aus diesem Beispiel wird deutlich, dass der gärtnerische Wert - wie immer er auch definiert wird - nicht Gegenstand der Prüfung ist. Weiterhin muss die Sorte konstant und verfügbar sein - was im Falle der vegetativen Vermehrbarkeit der Fuchsie keine Probleme bereitet - vorausgesetzt, die Sorte sportet nicht stark und Stecklinge bewurzeln.

4. Wertzeugnisprüfung

Die Erteilung eines Wertzeugnisses ist eine reine Privatsache und ist weder an eine Sortenbeschreibung noch an die Registrierung, noch an die "Neuheit" einer Sorte oder an die Erteilung eines Sortenschutzes gebunden. Theoretisch könnte jeder Fuchsienliebhaber für jede Sorte aus dem 19. Jahrhundert ein Wertzeugnis ausstellen. Ob es dann von der Mehrheit anerkannt wird, hängt von den Kenntnissen und den Erfahrungen der Gärtner und Liebhaber ab.

Wenn Übereinstimmung erzielt wird, dass die Sorte 'Beacon' für bestimmte Zwecke hervorragend geeignet ist, wird sie als wertvoll angesehen. So lange es sich um alte, lange bekannte Sorten handelt, über die viele ihr Urteil abgeben können, ist ein Wertzeugnis kein Problem. Bei neuen Sorten gibt es aber Probleme der vielfältigsten Art, die in zwei Gruppen zusammengefasst werden können:

1. Wer und wo prüfen?

2. Was ist "Wert" und wie soll der Wert festgestellt werden?

Die Frage, "Wer soll prüfen" ist noch relativ einfach zu beantworten. Es muss sich dabei um eine Gruppe (fünf, maximal sieben) von Personen handeln, die

a) sachverständig in "Sachen Fuchsien" einschließlich Vermehrung, Kultur und Verwendung sind,

b) kein eigenes wirtschaftliches Interesse am Prüfgegenstand haben und

c) von allen Beteiligten und Nutznießern (Züchter, Liebhaber und Gärtner-Produzenten) akzeptiert und anerkannt werden.

 

Die Frage "Wo soll geprüft werden" ist schon schwieriger zu lösen. Es kommen nur Institutionen in Betracht, die kein eigenes wirtschaftliches Interesse an den Prüfsorten haben und wo genug Sachverstand vorhanden ist, den Prüfungsanbau nach festgelegten Richtlinien durchzuführen, ohne selbst prüfen zu können - es sei denn, ein Verantwortlicher der Institution ist Mitglied der Prüfungskommission.

Da "Wert" aufgrund klimatischer und sonstiger Gegebenheiten in Mecklenburg anders definiert werden kann als in Sachsen, am Niederrhein oder im Allgäu, sollte an mehreren Orten geprüft werden. Das führt zu größeren Pflanzenmengen, die der Züchter liefern muss, vor allem aber zu erheblichen Reisekosten für die Kommission.

Da ein Prüfjahr nicht ausreicht, muss in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren geprüft werden. Die Rundreisekosten fallen also zweimal an. Ein Beispiel mag das verdeutlichen:

Im Rahmen unserer Arbeit für die drei Internationale Registerstellen für Petunia, Callistephus und Tagetes war eine Vollarbeitskraft beschäftigt, die die von uns durchgeführten Eignungsprüfungen an mehreren Anbauorten (Münster, Geisenheim, Wiesbaden, Bamberg jeweils mit verschiedenen Sortimenten) jährlich ein bis zweimal besuchte, um vor Ort Wertungen durchzuführen.

Da das Ziel der Prüfung nicht die Erteilung eines Wertzeugnisses war, sondern nur (!) eine wertende Sortenbeschreibung, war keine Kommission nötig.

Diese jährliche Reisezeit von etwa 8-9 Reisetagen war nur deshalb so kurz zu halten, weil alle laufenden Kulturbonituren (Blühbeginn, Pflanzenmaße, Regenfestigkeit usw.) vor Ort vom Personal der Anbaustellen durchgeführt wurden. Der Gesamtarbeitsaufwand für die jährlich etwa 80 - 100 neu zu prüfenden Sorten der drei genannten Sortimente (alle zurechenbaren Arbeiten an den verschiedenen Anbaustellen zusammengerechnet) dürfte etwa zwei volle Arbeitskräfte ausgemacht haben - was einem Finanzvolumen von etwa 90.000 DM ausmachen würde! Die Prüfgebühren müssen zwar diese Kosten nicht vollständig decken, aber mit DM 50,- pro Sorte (2-jährige Prüfung, Kommissionsreisekosten) kommt man keinesfalls aus. Damit ist erst ein grober Rahmen festgelegt, aber noch nicht, was unter "Wert" verstanden werden soll.

Man müsste also zunächst einen Katalog wertbestimmender Eigenschaften aufstellen - und das ist nicht zu verwechseln mit morphologischen Merkmalen, die in eine Beschreibung gehören und vielleicht als Voraussetzung für die Wertbestimmung gelten können. So ist "Wuchs hängend" (morphologisches Merkmal) völlig wertlos für die Produktion im Topf, wertvoll hingegen für die Ampel- oder Balkonkastenverwendung. Man muss also beschreibende Elemente einer Prüfung völlig trennen von wertbestimmenden Elementen.

Natürlich können - wenn Pflanzen in genügender Menge vorhanden sind - im Zuge der Begutachtung einerseits rein morphologische Merkmale bestimmt (Messungen, Zählungen) und andererseits wertbestimmende Eigenschaften (z. B. Sonnen-Schattenverträglichkeit, Wind-Regenfestigkeit, Nachblüheigenschaften, nicht zuletzt auch Vermehrbarkeit, Schnellwüchsigkeit, photoperiodische Reaktionen als Grundlage für die Steuerbarkeit) laufend unter verschiedenen Standort- und Kulturbedingungen erfasst werden - ebenso wie morphologische Merkmale, die standortabhängig sind. Dies alles führt zu einem Zeit- und Arbeitsaufwand, der erhebliche Kosten verursacht.

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass es "Wert an sich" nicht geben kann. Eine Wertbestimmung ist immer die Folge einer subjektiven Einschätzung im Hinblick auf eine bestimmte Eigenschaft. Und diese Eigenschaften unterliegen dann auch noch einer subjektiven unterschiedlichen Rangfolge: für den einen sind aufrechter Wuchs in Kombination mit hellblauer Korolle und tiefdunklen Sepalen das Non-plus-ultra des Wertes, für den zweiten (mit Eigenheim/Garten/Terrassenbesitzern als Kundschaft!) Ampeleignung und Vielblütigkeit (2-3 Blüten/Blattachsel). Ist die eine Sorte nun weniger wertvoll als die andere?

Folgerungen:

Wenn man für Fuchsien eine Neuheiten - Wertprüfung und ein Wertzeugnis mit einer anerkannten Geltung will, dann bedarf es

a) einer unabhängigen allgemein anerkannten Kommission

b) einiger (zwei bis vier) Prüforte (Institutionen wie Lehr- und Versuchsanstalten)

c) einer allgemein anerkannten, reproduzierbaren Sortenbeschreibung

d) einer allgemein anerkannten Liste wertbestimmender Eigenschaften

e) allgemein anerkannter Beurteilungsgrundsätze über die wertbestimmenden Eigenschaften.

Zusätzlich bedarf es einer relativ großen Summe Geldes für die Durchführung der Neuheiten - Wertprüfung.

Prof. Dr. Karl Zimmer, Hannover